Konzertführer Klavierkonzerte / Home

„E-Musik" - was für ein schreckliches Wort, „klassische Musik" - ebenfalls viel zu eng gedacht. Wie kommt jemand dazu einen solchen Konzertführer zu schreiben? Zum einen ist da natürlich die Liebe zur Musik, zum anderen sieht man ja den Bedarf an sich selbst - wer lernt nicht gerne neue Musik zum Geniessen kennen - und zu guter Letzt gehört immer auch ein wenig Sendungs- bzw. Mitteilungsbewußtsein dazu. Vorab, wenn sie meine Ausführungen kommentieren wollen oder einen Tip haben, schicken Sie mir eine E-Mail.

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Am Anfang habe ich gedacht: Was für eine Mammutaufgabe? Sicher wäre es dies, wenn man alle Konzerte auch nur erfassen wollte. Andererseits stellt man fest, daß es soviele berühmte, viel gespielte Klavierkonzerte gar nicht gibt. Viele berühmte Komponisten sind zudem als Schöpfer von Klavierkonzerten gar nicht in Erscheinung getreten, wie Schubert, Wagner, Bruckner, Strauß oder Mahler, andere nur am Rande wie Richard Straus und Strawinsky. Selbst Klaviertitanen wie Chopin oder Liszt haben zwar unzählige Klavierwerke geschrieben, jedoch nur je zwei (echte) Konzerte. Auch wurde das Klavier erst relativ spät erfunden, also Fehlanzeige bei älteren Komponisten wie Bach, Scarlatti, Vivaldi oder Händel. Der Führer geht chronologisch vor, wodurch sich automatisch auch zumindest eine gewisse Stilklassifizierung ergibt.

Wiener Klassik

Der vielleicht erste wirklich bedeutende Komponist von Klavierkonzerten ist Joseph Haydn, und doch geht es ihm nicht viel anders als mit seinen Sinfonien: Wirklich bekannt oder gar populär sind sind nur wenige (z.B. die Sinfonie mit dem Paukenschlag), zu sehr stehen sie im Schatten von Mozart und Beethoven. Wenn letztere nicht so überragend wären, müßte man eigentlich sagen „zu unrecht": Einige Konzerte sind durchaus einfalltsreich, unterhaltsam, spannend, schön. Als Nicht-Haydn-Spezialist würde ich das 20. Klavierkonzert empfehlen, was genau diese Kriterien voll erfüllt. Gut ist z.B. die Aufnahme mit Emil Gilels und Rudolf Barschai.

W.A. Mozart galt als einer der ersten Klaviervirtuosen, hier war er viel früher unumschritten und erfolgreich, nicht als Komponist. Vor allem seine späten Klavierkonzerte sind (wie die letzten Sinfonien) echte Dauerbrenner in den Konzertsälen und Schallplatteneinspielungen, aber auch die früheren stehen den wirklich populären KV 466 oder KV 467 nur wenig nach. Das berühmte d-moll-Konzert KV466 kommt in seiner Dramatik Beethoven bereits nahe. Auch das Konzert KV 467 wird oft gespielt. Unübertroffen ist hier die fast schon historische Aufnahme von Dinu Lipatti mit H.v. Karajan als Dirigenten!

Ludwig van Beethoven ist auch bei den Klavierkonzerten, ähnlich wie bei den Sinfonien oder Streichquartetten, das Maß der Dinge. Fünf hat er komponiert, oft gespielt werden alle und interessanterweise gibt es vom späten Beethoven kein Klavierkonzert. Die ersten beiden orientieren sich - trotz vieler Eigenheiten - noch durchaus an seinen Vorbildern Haydn und Mozart. Das 1. ist eher majestätisch, getragen, während das 2. eher witzig, spritzig ist. Sehr gut sind z.B. die Aufnahmen mit Emil Gilels aus den 50er Jahren oder die mit Marta Argerich. Das 3.Klavierkonzert c-moll ist dramatischer, vergleichbar etwa der Klaviersonate „Pathetique". Auch formal gibt es Änderungen: Der Klavierteil und der Orchesterpart sind eng aufeinander abgestimmt, alles ähnelt schon sehr einer Sinfonie. Empfehlenswert auch hier die Aufnahmen von Emil Gilels. Die späte Aufnahme mit Georg Szell ist etwas lagnsamer, was aber gut paßt und der langsame 2.Satz ist wunderschön. Die beiden letzten Konzerte Nr. 4 & 5. sind am berühmtesten. Sie repräsentieren den mittleren Beethoven, ähnlich wie die Appassionata oder die Eroica. Das 4.Klavierkonzert ist eher lyrisch, ruhig (ähnlich dem Violinkonzert oder der Pastorale), während das 5. eher feurig und repräsentativ ist (vergleichbar der 3. oder 7.Sinfonie). Wunderbar ist vor allem die ruhige Gilels-Szell-Aufnahme des 4.Konzerts. Beim 5.Klavierkonzert würde ich die Michelangeli-Aufnahme aus den 40er Jahren empfehlen, leider ist die jugendlich ungestüme Aufnahme kaum erhältlich und die späteren reichen nicht wirklich an das Niveau heran. Der umwerfende Anfang wurde nie schmissiger als in der alten Aufnahme gespielt.

Romantik

Mit Beethoven und Schubert endet die Wiener Klassik und zugleich kann man beide auch als erste Romantiker bezeichnen. Komponisten, welche ähnlich universell komponiert haben gab es danach nur noch wenige (z.B. Brahms oder Bartok). Gerade deshalb gibt es aber großartige Werke, z.B. von Liszt, Schumann oder Chopin (alles Zeitgenossen). Robert Schumann hat nur ein Klavierkonzert komponiert, das in a-moll. Man kann es getrost neben den besten von Beethoven und Mozart stellen. Aufnahmen gibt es dementsprechend viele, aber unerreicht ist die von Dinu Lipatti (z.B. mit Karajan als Dirigenten). Auch die des frühen A.B. Michelangeli sind großartig, leider sind die späteren einfach nicht mehr so feurig, fast schon gekünstelt.

Von Frederic Chopin gibt es 2 Klavierkonzerte, beide können sicher nicht ganz mit seinen eigene Klavierkompositionen mithalten, insbesondere der Orchesterteil ist eher grau und langweilig. Die Aufnahme von Gilels und Kondrashin zeigt aber was z.B. im 1. Konzert steckt: wild, romantisch, feurig. Auch die Aufnahmen von M. Argerich sind sehr gut, die Gilels-Aufnahme mit Ormandy dagegen eher langweilig.

Die beiden Liszt-Konzerte gelten unter manchen als banal und oberflächlich: Großartige Pianisten wie S. Richter, Emil Gilels oder K. Zimermann zeigen aber genau das Gegenteil. Bei ihnen klingt es heroisch, dramatisch, großartig und natürlich super-virtuos. Auch in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts wurden großartige Konzerte komponiert.

An Chopin-Liszt orientiert haben sich z.B. Edward Grieg und Peter Tschaikowsky. Grieg´s a-moll Konzert ist ein echter Klassiker, empfehlenswert ist hier wieder Dinu Lipatti: träumerisch und doch zupackend. „Das" Klavierkonzert schlechthin - ähnlich wie die „Fünfte" von Beethoven - ist das 1.Klavierkonzert von Tschaikowsky, populärer und virtuoser ist keines. Unerreicht sind zwei Aufnahmen: die historische von V.Horowitz mit A.Toscanini und jene von Gilels und Fritz Reiner. Als Anspieltip kann bei Gilels der Anfang und bei Horowitz das Finale gelten. Die anderen Konzerte Tschaikowskys können nicht mithalten, wohl aber seine späte Sinfonien.

Johannes Brahms war ebenfalls ein großartiger Pianist und doch zeigen seine Konzerte keine pianistische Selbstdarstellung. Vorbild ist vielmehr Beethoven und sein Konzept einer Sinfonie mit Klavier. Heutzutage ist es völlig unverständlich, daß ein so großartiges Werk wie Brams´ 1. Klavierkonzert bei der Erstaufführung „durchgefallen" sein soll. So unmittelbar hat mit selbst noch kaum eine Komposition gefangen genommen. Unübertroffen ist vor allem die Aufnahme von Fleisher und Szell. Hier spürt man das eben nicht der alte Brahms komponiert hat, sondern der junge, ungestüme. Aber auch viele andere Aufnahmen überzeugen, zu stark ist die Komposition. Schwieriger sind die Verhältnisse hinsichtlich der Interpretation beim 2.Klavierkonzert, dem längsten Konzert überhaupt! Wirklich überragende Aufnahmen kenne ich nicht, aber viele gute, u.a. von Richter, Gilels oder Horowitz. Als bedeutenster Komponist nach Beethoven sind natürlich auch seine Sinfonien oder seine Kammermusik hörenswert.

Neben den bekannten und oft gespielten gibt es natürlich noch viel mehr Klavierkonzerte, darunter auch einige Geheimtips. Sehr gut ist z.B. das 2.Klavierkonzert von Camille Saint-Saens. Emil Gilels hat es oft eingespielt, unerreicht ist aber nur die 48er-Aufnahme mit Kondrashin, virtuos, wild, charmant, spritzig.

20. Jahrhundert

Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden noch viele hervorragende Klavierkonzerte komponiert. Von Rachmaninow sind es immerhin vier, wobei das 3. am bekannstesten und virtuosesten ist (empfehlenswert hier z.B. Horowitz, Gilels, Gawrilow oder Argerich - aber wirklich überragend ist merkwürdigerweise keiner, ähnlich wie beim 2. von Brahms!). Gut ist auch das 2.Klavierkonzert (überragend Richter-Roslicki) und das 4. (von A.B. Michelangeli hervorragend interpretiert).

Auch die beiden Klavierkonzerte von Maurice Ravel sind populär. Etwas plakativ (aber in vielen Interpretationen überzeugend) das für die linke Hand und mehr klassisch das in G-Dur (überragend Michelangeli in seinen frühen Aufnahmen). Als Klassiker der Moderne gilt auch Prokofiev, vor allem das 3.Klavierkonzert ist populär und es gibt viele gute Aufnahmen: allen voran die des Komponisten selbst und die von Emil Gilels. Auch das 1.Konzert wird häufiger gespielt, fast alle Aufnahmen die ich gehört habe sind hier recht gut (z.B. Gawrilow).

Als fast schon letzter Klassiker der Moderne kann Bela Bartok gelten. Sein 3.Klavierkonzert ist das populärste und eigentlich das konventionellste, vor allem der langsame 2. Satz ist berühmt. Als Geheimtip gelten dagegen die expressionistischen ersten beiden Konzerte. Hier liegen glücklicherweise überragende Aufnahmen von M. Pollini und C. Abbado vor, einfach unübertroffen virtuos, rythmisch und wild.

 

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Stand: März 16, 2001.